Havel und Rhin: Wasserwandern als Faltboottour

Wer die Havel erst bei Potsdam oder Wannsee kennt, der wird sich wundern wie klar das Wasser am Ursprung ab Kratzeburg ist. Bis Zehdenick, diesem Yachthafen aus Pappe; man hüte sich hinter die Fassade zu schauen, macht das Paddeln Spaß. Danach kommt die Autobahn für Paddler: der Kanal. Paddeln bis Berlin? Hier lieber nicht.

Eine unserer ersten „Nichts Schöneres als Paddeln – Touren“ war von Fürstenberg nach Lindow. Wir fuhren ein anderes Mal von Kratzeburg ab. Das sollte sich niemand entgehen lassen, denn die gerade mal zehn Meter breite Havel ließ sich tief auf den Grund blicken. Diesmal ließen wir unser blaues Faltboot in Fürstenberg ins Wasser. Wir hatten es zuvor auf dem Zeltplatz zusammen gebaut. Wir fuhren über den Röblinsee. Das Stückchen Havel war sehr klar. Danach überquerten wir den Ziernsee und den Ellbogensee. Wir hielten dann im Ort am Ellbogen, der Großmenow heißt, dort zelteten wir auf einer Wiese.

Am nächsten Tag paddelten wir über den Ellbogensee mit der Strömung auf den Priepertsee die Havel weiter. Ahrensberg ließen wir liegen und kamen in den Drewensee. Dort waren gute Windverhältnisse und wir segelten mit unserem Pouch-Segeltuch bis zum Ende des Drewensees zum nächsten Zeltplatz, der auf einer Anhöhe unter Kiefern lag. Hier waren Mücken.

Am dritten Tag fuhren wir ein Stück auf der Oberen-Havel-Wasserstraße. Hier ging es hauptsächlich geradeaus an Feldern vorbei, von dort stank es nach Dünger. Nicht so anregend für die Sinne. Wir suchten leider vergeblich die Schwanenhavel, ein sich durch Wiesen wellendes Wasser und kamen, weil wir in einen falschen Flußarm gefahren waren, an eine Brücke kurz vor Wesenberg. Da war dann Schluß. Auf dem Rückweg entdeckten wir den richtigen Abzweig zur Schwanenhavel.

Durch den starken Regen der letzten Tage hatten die Vögel Sorge um ihre Brut, erzählten sie uns. Wir hielten bei einem toten Birkenwäldchen zur Rast, das parallel zur Havel sich versteckt hatte. Dann kamen wir auf den Plätlinsee ins Naturschutzgebiet und blickten auf eine wunderschöne Uferlandschaft in Wustrow. Das Schilf wuchs zwanzig Meter weit in den See hinein. In der Mitte des Plätlinsees stand eine bewaldete Insel. Vom Wind getragen, das Segel gespannt, klares Wasser unterm Boot, mit Sonne und blauem Himmel fuhren wir langsam auf das Städtchen Wustrow zu. Die Häuser erschienen zwischen dem Grün wie rote Tupfer gesetzt. Eine Entenfamilie saß auf einem Baumstamm in einer Reihe, die Jungen, den Kopf eingezogen ins Gefieder. Die Entenmutter munter und angespannt wie sie so sind. Wir glitten langsam an ihnen vorbei. Der Wind wehte ins Gesicht. Die Wellen sprengten Wassertropfen aufs Boot. Mit unserer Muskelkraft und im Rhythmus stoben wir über den See. Das Boot knarrte und schien auseinander zu bersten. Eine Idylle hatten wir fortan immer nur bis zur nächsten Gewitterstimmung. Es gab zwei Verbindungen auf der Karte in Wustrow, um weiter zu kommen. Es gab einen rechten und eine linken Zipfel am Ende des Sees. Wir wählten den rechten Zipfel. Bitte nicht nachmachen! Wir schoben das Boot über einen Feldweg. Dann über die Straße nach Strasen-Priepert. Zum Glück konnten wir den Bootswagen unterschnallen und so war es nicht so schwer. Auf der Karte war eine Verbindung zwischen Plätlinsee und Pälitzsee eingezeichnet, die nach Auskunft eines älteren Herren dort seit 80 Jahren schon nicht mehr existierte.

Wir ließen unser Boot am Pälitzsee ins Wasser. Am Ende waren unsere Kräfte doch aufgebraucht. Jetzt entfaltete sich der Sturm, der seine Vorboten schon die ganze Zeit über uns kreisen ließ. Die Schnur riß vom Steuer ab und wir drehten uns auf dem Wasser bevor wir ans gegenüber liegende Ufer paddelten. In der Nacht tobte das Gewitter weiter, wir lagen unter hohen Kiefern, in deren Kronen die Baumgeister ihren Spaß hatten.

Am vierten Tag wanderten wir von dort aus zum Stechlinsee. Im Kühlwasser des stillgelegten Atomkraftwerkes in Neuglobsow übte eine Schwimmerin. Das erschien uns überergeizig. Nicht nachmachen! Wir badeten in einer Bucht des Stechlinsees, ob Strahlungen in den See kamen, wußten wir nicht. Auf dem Rückweg begleiteten uns Mücken und Fliegen durch die Waldhitze. In der Nacht gab es wieder Gewitter.

Am fünften Tag paddelten wir weiter. Wir hatten den Wind gegen uns. In der Schleuse in Canow saßen wir hinter einem protzigen Hochhaus-Boot und dessen Abgasmassen. In der Diemitz-Schleuse gewitterte es wieder und wir fanden Unterschlupf in der dortigen Schlemmerstube. Wir trafen später andere Paddler und unterhielten uns, wie jeder das Gewitter überstanden hatte. Sie waren während des Gewitters, für unsere Verhältnisse übermotiviert, im flachen Wasser am Ufer und unter den Bäumen stehen geblieben. Wir fanden die Schlemmerstube als Unterschlupf besser. An diesem Tag zelteten wir neben einer Jugendbegegnungsstätte in Schwarz. Die Kneipe war leider geschlossen. Es gab wieder Gewitter. Es schob sich eine schwarze Wolkenfront über uns hinweg. Sie ließ hinter sich rote Blitze ab, die wie Sirenen am geröteten Himmel klangen.

Am sechsten Tag segelten wir über den Vilzsee und den Rätzsee. Es war ein wunderschöner Zeltplatz am Ende des Rätzsees, klares Wasser und Sonnenuntergang über dem See. Den siebten Tag verbrachten wir dort. Die Nacktfreunde hatten sich einen WC-Wasch-Center auf dem Campingplatz geleistet. Wir duschten warm und trockneten unsere Sachen. Es kam ein älterer Herr aufgeregt mit seinem Paddelboot an einem Tag herunter gefahren aus Kratzeburg. In Kratzeburg ist der Ursprung der Havel. Er schaute nach, ob sein Wohnwagen das Gewitterspektakel der letzten Tage überstanden hatte. Das war nicht das letzte Gewitter.

Mit Wellen und Gegenwind trieben wir am nächsten Tag über den Goberlowsee. Wir hatten wieder Sturm auf dem Labussee. Wir machten Rast an der Schleuse in Canow, von hier aus fährt man in die Rheinsberger Gewässer. Der Zeltplatz D 100 lag am Rheinsberger See. Wir rasteten auf einer Wiese zwischen See und Wald. Dort harkte ein Dauercamper den Waldboden. Eine Entenfamilie hatte den Zeltplatz als Futterquelle entdeckt und fraß uns aus der Hand. Wir wanderten durch den Mückenwald nach Rheinsberg. Der Schloßpark hatte einige lange Blickachsen und es schien als jagte eine preußische Prinzessin mit Pferd und Hund durch die Allee. Verspielt Erscheinen und sich Verstecken konnte man im Park. „Hier übte die preußische Königsgesellschaft Barock fürs europäische Parkett.“ Wir bummelten durch die Stadt. Der Tag war verregnet. Wir schliefen früh ein und wachten mit der Sonne wieder auf. Es hingen dicke Nebelschwaden über dem Wasser und zwei Enteriche kamen zum Frühstück.

Wir trieben am Rheinsberger Schloß vorbei, das im Sonnenschein einen silbergrauen Schimmer hatte. Wir trugen das Boot um und in den Rhin hinein. Die Strömung zog uns hinunter. Ein Eisvogel flog auf und leuchtete silberblau. Viel später stank es von einer Fischzucht aus, die tote Fische ausspülte. Als der Rhin wieder breit war und genug Wasser in ihm floß, flog ein Adler über uns hinweg. Er kreiste in Ruhe seine Bahn. Die silbergrauen Reiher flogen neben uns auf und gleiteten ein Stück nebenher, um uns von den Jungen abzulenken, die im Schilf versteckt waren. Leider kamen wenig später handgroße Hagelkörner herunter und das war für viele Vogeljunge eine Katastrophe. Wir saßen geschützt als der Hagel herab prasselte. Nach einer halben Stunde schien die Sonne so heiß als wäre zuvor nichts gewesen. Der Wind war vergessen, der die Bäume niedergelegt hatte. Wir fuhren den Rhin hinunter und am Vogelschutzgebiet vorbei. Dort kam solch ein Geschrei herüber, ein aufgeregtes Schnattern, Schiepen, Pfeifen, Flügelschlagen auf dem Wasser, Singen und Trällern.

Am neunten Tag kamen wir abends in Lindow an. Nachdem wir über den klaren Gudelacksee uns beeilt hatten, weil der Himmel gewittrig wurde. Wir wollten am Wasser zelten, obwohl uns der Zeltplatzwart davon abriet. Es war sehr stürmig, aber unser Zelt hielt. Wir waren schon einiges gewohnt. Am nächsten Morgen gingen wir zum Wutzsee und zur Klosterruine. Der Pfarrer in Lindow erzählte uns wie dick die Mauern seines Hauses aus dem 13. Jahrhundert waren. Es war eine Klosterschule, die Namen der Schülerinnen standen noch auf den teilweise erhaltenen Grabsteinen, des dazugehörenden Friedhofes. Wir legten uns am See unter einen dicken Baumstamm, der innen ausgehölt war und wo der Pfarrer einen Waschbären gesehen haben wollte. Es war Freitagabend und auf dem Zeltplatz klapperten in den Küchen der Wohnmobile die Frauen der Dauerzeltler, deren Männer bis zum Essen die Motorboote anschmissen und sich mit einem Kasten Bier auf dem See verteilten.

Am nächsten Tag packten wir unser Boot zusammen.