Biebrza mit dem Kanu: ein Reisebericht aus Polen

Die Biebrza ist ein frei mäandernder Fluß im Nordosten Polens und mündet in die Narew. Die Landschaft im Norden von Bialystok ist durch die letzte Eiszeit entstanden. Der Jahresrhythmus wird vom Fluß mit seinen verschieden hohen Wasserständen bestimmt. Die Bewohner des Flußtales leben seit hundert Jahren damit. Wir sehen über das Tal der Biebrza weite Wiesen und Weideflächen und am Ufer stehend klares Wasser mit guter Strömung. Wir ließen uns treiben durch meterhohes Rohr, an dem sich Rohrsänger festhielten. Graugänse schwammen uns entgegen und ein Silberreiher flog über uns hinweg und ein Stück mit, während uns die Strömung zog. Biber nagten an Holzstämmen, bauten eindrucksvolle Burgen und waren schnell weg, so dass wir die Burgfamilien nicht zu Gesicht bekamen, die über unterirdische Gänge in ihren Gemäuern verschwanden. Oft ist am Ufer die Schwanenblume zu sehen.

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Für uns war Jasionowo der erste Biwakplatz auf der Biebrza nach der Schleuse in Debowo. Das ist die letzte Schleuse des Augustowski Kanals. Wir sind wieder auf Höhe des Meeresspiegels, nachdem wir über eine Landmasse von 150m Höhe geschleust wurden. Am Ufer der Biebrza ist nichts planiert worden und so reguliert sich der Fluß, indem er über die Ufer tritt und die Wiesen unter Wasser setzt.


Am Abend beobachteten wir am gegenüberliegenden Ufer einen Biber, der nah am Biwak im Schilf am Holz nagte, dass ihm die Bäuerin tagsüber hinein geworfen hatte. Am Morgen überraschten wir einen Kranich an der Badestelle. Der Platz ist auf einer Pferdekoppel für uns abgesteckt und Kühe werden am Ufer vorbei getrieben. Das Plumskloh ist auf der Pferdekoppel und wird von den Pferden nach dem Geschäft inspiziert. Am Morgen kam die Tochter über das Feld gelaufen und kassierte 10 Zloty für zwei Nächte. Wasser holten wir uns aus dem Brunnen, den die Bauersfamilie auf dem Hof hatte. Die Bäuerin hatte hier die Finanzen unter ihrer Obhut.

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Ein Strand zum Baden und der Sklep zum Einkaufen in Dolistowo Stare waren Grund hier zu halten. Wir badeten beobachtet von einer Gruppe polnischer Jugendlicher, während eine Bäuerin ihre Sachen wusch. Im Fluß gewaschen und in der Sonne zum Trocknen aufgehängt, wird die Wäsche weich auf der Haut. Was macht die Frau im Winter? An diesem Strand wäre es möglich gewesen zu zelten, aber wir fuhren noch vier Kilometer durch hohes Rohr weiter bis Wrocen.

Die Bauern an der Biebrza leben hier von der Weidewirtschaft. Es sind familiäre Bauernbetriebe mit ca. 20-30 Kühen, die morgens auf die Weide getrieben werden und frei herumlaufen bis sie abends wieder in den Stall geführt werden zum Melken. In Brostowo hatten wir dies als Abendschauspiel vor unseren Augen. In den wenigen Sommermonaten, wenn der Fluß etwas in sein Bett zurück geht, wird das Heu geerntet. Geld gibt es vom Nationalpark für eine vogelgerechte Bewirtschaftung der Wiesen, damit zum Beispiel die Doppelschnepfe hier brütet. Da treten Spannungen auf zwischen den Interessen der Bauern und des Nationalparks, weil die Bewirtschaftung auf herkömmliche Weise geschehen soll. Die Bauern aber auch vom Fortschritt mal profitieren wollen, die sind während der kommunistischen Herrschaft vergessen worden in den Sümpfen. Der bescheidene Wohlstand zeigt sich an einer neuen Scheune und einem Traktor mit dem die Milchkannen weggefahren werden.

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In Wrocen fanden wir eine sehr gepflegte Wiese als Biwak an einem Seitenarm der Biebrza, der von einer Bauernfamilie nebs Kinderspielplatz und Holzflößen für Tagestouren angeboten wurde. Ein Sklep ist nur fünfzig Meter weiter für Brötchen und Würstchen. Am Abend saßen wir mit anderen Urlaubern am Feuer, das wir fast auf jedem Biwak anzündeten. Mit einem Feueranzünder, den es in jedem Sklep gab oder Bratöl bekamen wir immer ein Feuer an, auch wenn der Boden feucht war. Feuerholz kann man beim Bauern kaufen für einige Zloty. Die polnischen Würste sind gegrillt unglaublich schmackhaft.

Bis auf das Restaurant Kamiel & Bartek ist Goniadz nicht sehenswert, am besten weiterfahren bis Osowiec, vorher nicht vergessen einzukaufen. Auf dem Campingplatz ist ein neues Dusch- und WC-Haus.

Trotz Auto- und Bahnverkehr in der Nähe und der Stromleitungen ist der nächste Platz Osowiec ein schöner Platz: eine große Wiese, große Feuerstelle, Wasserkloh und Dusche.
Auf dem Campingplatz in Goniadz prallten zwei Welten aufeinander, die latent sich auf allen Flüssen bekämpfen. Die Welt der Angler und der Paddler scheint so weit voneinander entfernt wie Sonne und Mond. Diese beiden Gruppen teilten sich den Anlegeplatz. Während die Paddler früh morgens noch schliefen, kamen die Angler zu ihren Holzkänen. Am ersten Morgen regten sich Paddler über den Lärm auf, den die Angler machten und riefen aus ihrem Zelt, dass sie hier für ihre Ruhe schließlich Geld bezahlt hätten. Am nächsten Morgen hatten wir die Retourkutsche. Zwei dickbäuchige einheimische Angler saßen auf der gegenüberliegenden Flußseite in ihren Känen und wetterten über die Paddler, des Anglers Leid seien die Paddler und hätten sie hier gar nichts mehr zu melden? Es waren deutsche, französische und polnische Paddler. Das Verhältnis von Anglern und Nationalpark-Ranger ist ein anderes. Hier sind die Angler nicht so großkotzig, sondern ziehen die Angel ein wie in einem Katz und Maus Spiel. Von nun an ist das Angeln verboten, aber wer sich nicht erwischen lässt, fängt manchmal große Fische, so das Motto der Angler. So wußten sie nicht, ob wir zum Nationalpark gehörten und zogen ihre Angel vorsichtshalber ein, was uns Frust ersparrte.
Osowiec ist Zentrum des Nationalparks und Anlaufstelle für Ornithologen aus westeuropäischen Ländern. Der Ruf der Doppelschnepfe soll dort hoch im Kurs liegen.

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Wir fuhren an einigen Sandstränden vorbei und hielten, um hier und da zu baden. Wir haben den regenfreien Tag zum Schwimmen genutzt und gegen die Strömung konnten wir uns auf der Stelle halten. Bis zum nächsten Biwak Bialy Grad waren es nur 12 Km. Kurzzeitg waren wir eine Gruppe, die dort zelten wollte, aber die anderen fuhren wieder zurück nach Wrocen in ihre Hütten, weil es gewittern sollte. Das Plumskloh war hundert Meter weiter weg, sonst war nichts weiter gebaut, außer dem Aussichtsturm. Wir befanden uns im Kernstück des Nationalparks. Der Abend war klar und der Nebel kroch von allen Seiten an den Biwak heran, der eine Kultstätte gewesen sein soll. Kilometerweit am Horizont nichts, was an Zivilisation erinnerte, aber dem Himmelsgott sind wir begegnet.

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Das Zelt stand etwas unterhalb eines Hügels. Vielleicht war es ein Hügelgrab während der Bronzezeitkultur, oder wurde hier Vieh gegen Bronze von Wanderhandwerkern vor 1500 Jahren getauscht? Oder waren es Sterndeuter, die in der Zeit Sonnenwendepunkte berechneten? Um den Platz wuchsen rundherum Bäume auf Sandhügeln, die Spekulationen Raum boten, das ein Ring aus Erde von Menschen aufgeschüttet worden war. Das die Erde eine Scheibe ist – vorstellbar, wenn nach dem Sonnenuntergang wenig später, wenn man sich umdreht, der Mond aufgeht und sich Sterne am Himmel ausbreiten als wär man Mittelpunkt dieses Universums. Tagsüber flogen aus allen Himmelsrichtungen verschiedene Zugvögel über unseren Kopf hinweg, deren rhythmische Rufe wir hören konnten und wir kurzzeitig selbst Ornithologen wurden. „Das ist der Kranich, nein die Graugans.“ Am Abend kommt der Nebel und umschließt den Platz von allen Seiten, wenn im Zelt was zu hören ist, es ist bestimmt nur ein Frosch. Wir regneten ein und mussten einen Tag im Zelt verbringen, umso mehr freuten wir uns als die Sonne wieder durchkam und die Wolken weiterzogen. Das Wetter wechselte schnell zwischen Gewitter und Sonne und diese Wechselstimmung schien hier nicht unüblich zu sein.

An die Gewitterstimmung hatten sich die Bauern im Dorf Brostowo gewöhnt. Die Biebrza floß in eine Kurve und dort warteten drei Bauern auf uns, die nebeneinander ihre Gehöfte hatten. Wir waren noch nicht aus dem Boot ausgestiegen, da kam die Bäuerin des mittleren Biwaks auf uns zu und begann uns zuzutexten. Andreas ging mit und ich lehnte mich an einen Zaun, der zu dem Biwak daneben gehörte. Der dazugehörende Bauer hörte auf zu angeln und kam auf mich zu und sagte, dass wir auch bei ihm zelten könnten. Da ich etwas verwirrt war, von dem Blitz, der fünfzig Meter zuvor auf der Wiese neben uns herunter gekommen war, fragte der dritte Bauer, ob alles in Ordnung sei. Dann bot auch er seinen Biwak an. Alle kosteten fünf Zloty und bei dem Dritten hätten wir auch Strom und fließendes Wasser gehabt. Sie hatten sich alle Aussichtstürme aus Holz gebaut und ein Häuschen zum Untersetzen. An der Größe dieser Utensilien zeigte sich der harte Konkurrenzkampf in dieser Ecke der Biebrza um die Paddler. Nun hatten wir die Qual der Wahl und entschieden uns einfach für den nächstliegenden Biwak. Das war hoffentlich für alle nachvollziehbar und löste hier keinen Nachbarkrieg aus. Wenig später kam dann unsere Wirtin und bot uns an, mit ins Haus zu kommen. Aber wir lehnten dankend ab, unser Zelt hielt noch, obwohl wir schon einige schwere Gewitter und Regentage hinter uns hatten.

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Am Abend konnten wir dann beobachten, wie alle drei Bauern ihre Kühe von der gegenüberliegenden Weide in ihre Ställe holten. Dieses Prozedere nahm zwei Stunden in Anspruch. Auch hier achteten alle genau darauf, dass der Nachbar nicht versehentlich eine Kuh nach Hause nahm, die ihm nicht gehörte. Auch Gänse schwammen abends zurück ins Dorf. Von unserem Platz aus sahen wir wie sich ein Adler eine Gans holte. Wenige Kilometer weiter in Burzyn ließen wir uns vom Kanuverleiher abholen. Leider sind wir dort eingeregnet.

©Berit Schulz