Flusswandern: Reisebericht vom Paddeln auf dem Merkys

Der Merkys fließt im Süden von Litauen durch das Gebiet um Varena und die Dzukija. Wir starteten mit dem Kajak in Darguziai. Unser erster Halt war in Valkininkai. Dort gibt es eine katholische Kirche, eine Post, ein Lebensmittelgeschäft (Parduotuve) und einen Kindergarten. Die traditionellen Holzhäuser stehen im Rondell vor der Kirche und umschließen einen großen Platz mit hohen Bäumen. Der Biwak ist am Ende des Dorfes. Die Jüngeren unter fünfunddreißig Jahren sprachen Englisch. Auf den Dörfern sprachen die Pensionäre Russisch. Nur wenige wollten grundsätzlich kein Russisch mehr sprechen. Wir unterhielten uns mit einem Hirten, der seine Kühe an unserem Zelt vorbei auf die Nachbarwiese trieb, über seinen Sohn, den Krieg und die heutige Jugend. Denn eine Scharr Jugendlicher landete am Biwak, stritt sich mit dem Hirten und verbrachte die Nacht fünfhundert Meter weiter mit einem lauten Autoradio als Schreck für alle Lebewesen. Es hingen summende Waldbienenvölker im Kiefernwald nebenan und sammelten aus blühenden Sträuchern Honig. Hundertmeter lange Ameisenstraßen dienten dazu, Kiefernnadeln zu transportieren.

Der Fluss ist ungefähr zehn Meter breit, hat viele Windungen und führt durch Wiesen und Wald. Am Ufer saßen Eisvögel und Wasseramseln. Vor Pamerkiai war für Paddler ein Rastplatz angelegt, dazu war auf einer Wiese am Waldrand gemäht worden und zu einem Heubett eingeladen. Die Fahrt durch das Dorf Pamerkiai am Sonntag war lustig. Der Fluss schlängelt sich durch das Dorftal mit hohen Steilhängen. Darauf grillten Anwohner und Besucher. Sie hatten den einen oder anderen Gruß auf den vom Bier gelockerten Lippen wie „Labas“ (Grüßt euch).

In der Kreisstadt Varena gibt es einen Supermarkt, der bis 23 Uhr geöffnet hat. Holzstatuen am Ortseingang stellen Sagen und Mythen der Gegend dar und erinnern an die frühgeschichtliche Siedlung Senoji Varena (das alte Varena).

In Perloja sind zwei Parduotuve. Im Ort hat eines der wenigen Gediminas-Denkmäler die Sowjetzeit überstanden. (siehe >Merkys in Bildern; Gediminas war ein litauischer Monarch und ist Nationalfigur. Er gründete die Hauptstadt Vilnius.)

Wilde Zeltstellen werden rar, weil der Ausstieg über die Böschung zu anstrengend wird und es mehr private Plätze gibt. Aber es gibt überall eiskalte Quellen. Ein Biwak ist in Milioniskes. Bei Purpliai ist ein gefährlicher Draht als Fährverbindung für ein Holzboot über den Fluss gespannt. Wir standen mit unserem Zelt am Zusammenfluss von Ula und Merkys. Es war der schönste Biwak am Ende der Ula mit Abendsonne und „Badewanne“.

In Puvociai befindet sich auf der linken steil ansteigenden Uferseite der nächste große Biwak. Er umfasst ca. die Größe eines Fußballstadions. Müll wird abtransportiert. Auch hier stehen für die Gegend typisch geschnitzte Holzplastiken, die als Rastplätze und Abgrenzungen fungieren. Der Straße am Fluss entlang folgend, über die Brücke eines anderen Flüsschens -das im Frühjahr befahrbar sein soll- und immer geradeaus gehen, öffnet sich die Tür des Parduotuve.

Der Merkys wird bis Merkine dreißig Meter breit. Dort befindet sich der älteste Burghügel Litauens. Es lohnt sich die Treppen nach oben zu steigen und einen Blick oder ein Foto auf das Tal der Nemunas zu werfen, wo der Merkys mündet. Den litauischen Maler und Musiker M.K.Ciurlionis hatte die Landschaft der Dzukija zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts inspiriert. Seine „Welt als Sinfonie“ hat er mit Pastellkreide auf Papier gebracht und vertont. Die Arbeiten wurden Grundstock des Nationalmuseums in Kaunas.