Wda Reisebericht: Paddeln in Polen

Zugfahrt

Während unserer Paddeltour auf der Wda von Lipusz nach Tlen durch Kaschubien und den Tucholsky Wald über 140 Kilometer hielten wir an zehn verschiedenen Biwaks. Bevor wir eines der größten Waldgebiete Polens erreichten, mussten wir zirka neun Stunden Fahrt hinter uns bringen und dreimal umsteigen. Wir stiegen in Berlin-Lichtenberg in den Zug nach Küstrin. Die Grenzkontrolle fand auf dem Bahnsteig vor einer Unterführung statt. Die deutschen Grenzer waren gelassen und wir zeigten unseren Reisepass wie in einer Fahrkartenkontrolle in der U-Bahn. Die polnischen Grenzspezialisten nahmen den Pass mit ernsthafterer Miene in die Hand und zogen ihn durch einen handlichen Computer. Im Schnellzug nach Budgoszcz lösten wir unsere Fahrkarte. Der Schaffner nahm für den nächsten Zug auch gleich noch D-Zug-Aufschlag, obwohl das eine Kleckerbahn war. Aber wir wußten das nicht genau. Am besten man zahlt immer nur für einen Zug. Im Zug nach Choinice kontrollierte ein anderer Schaffner unsere Fahrkarte und erklärte uns, dass wir für diesen Zug keinen D-Zug-Aufschlag an seinen Kollegen hätten zahlen müssen. Wir verstanden die polnische Sprache soviel, dass wir in einen Laden gehen konnten, um uns etwas Essen zu kaufen und überlegten uns, dass der korrupte Schaffner wohl selbst zu wenig verdiente.

Lipusz

Wir waren einkaufen im Sklep, der auf dem Weg zum Biwak lag. Hier rechnete Mitte Mai noch keiner mit Paddlern, deswegen rannten die Leute plötzlich aufgeregt vom Haus in den Hof und zurück. Zum Biwak waren es nur 100m. Wir gingen zum Fluss, schauten in das klare Wasser und freuten uns auf den morgigen Tag. Die Saison hatte noch nicht begonnen, wir waren die ersten Paddler. Das hatten wir mit unserem frühen Reisetermin beabsichtigt, dafür war es nachts noch kalt. Drei Meter über unserem Zelt war ein Vogelnest mit einem uns ausschimpfenden Vogel.

Andreas ging früh einkaufen. Im Laden traf er auf einen älteren Polen, der ihm von sich erzählte, dass er geboren wurde als Hitler an die Macht kam. Er hatte in der Schule deutsch lernen müssen und übersetzte ein wenig.

Am nächsten Morgen brachte ein Mitarbeiter von Kajaki.pl das Kanu. Wir packten unsere Sachen hinein und fuhren los.
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Am ersten Paddeltag hatten wir eine gute Strömung. Es gab kleine Abfahrten. Steine und Bäume waren im Wasser.

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Der Biwak am Jezerio Schodno lag nach neun Kilometern an der Spitze des Sees. Der Boden des Biwaks war sandig und mit Muschelresten bedeckt. Das Flußwasser war etwas trübe und im flachen Wasser krochen Flußmuscheln. Unser Abendbrot genossen wir bei Sonnenuntergang. Die Sonne spiegelte sich vor uns im Wasser. Wir machten die Augen zu und betrachteten das Farbspiel durch die geschlossenen Lider.

Zum Biwak Wdzydze Kiszewski paddelten wir über einen See, der durch den Wind aufbrauste und uns schaukeln ließ. Wir nahmen die Bewegung auf, kämpften gegen die Wellen und den Wind. Die Anmeldung auf dem Biwak in Wdzydze Kiszewskie machte ein älterer hinkender Mann. Er hakte mich unter und wir gingen zu dem Platz, den ich ausgekundschaftet hatte. Zwischendurch bot er uns freundlich an, in einer Hütte zu übernachten, die für mehrere Personen gebaut war. Für die Hütte wollte er zehn Sloty haben und für das Zelt nahm er pro Nase den symbolischen Betrag von jeweils acht Sloty ab. Wir zelteten auf einer kleinen Wiese mit einer Feuerstelle und der Wind pfiff über die Landspitze.

Wir fuhren nicht in der Mitte des sechs Kilometer langen und zwei Kilometer breiten Sees, sondern auf der rechten Uferseite von Inselspitze zu Inselspitze.
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Es war der Jezioro Wdzydze; „der See durch den die Wda fließt“. Das war außerdem der größte See, den wir auf unserer Paddeltour zu überqueren hatten. Jetzt erwartete uns nur noch das Flußbett der Wda.

Der Biwak in Borsk am Ende des Sees zu dem wir unser Boot zirka hundert Meter umtragen mussten, lag an einer Straße, die zum Glück nicht so stark befahren war.
Hier waren Pizzeria, Badesteg, Bootsausleihe, Bungalows und ein geschlossenes Restaurant, die auf die Sommergäste warteten. Ein Treffpunkt sowohl für junge Leute, die mit lautem Autoradio vorfuhren, um sich mit ihrem Bier an den See zu stellen und für ältere Herrschaften, die ihr Feierabendbier zusammen tranken und das Sommergelände über den Winter in Schuss hielten. Die Polizei drehte eine Runde um den gegenüberliegenden geschlossenen Sklep.

Vor Miedzno lag unser fünfter Biwak. Nach Borsk waren wir weiter dem Flusslauf der Wda gefolgt, denn es wäre auch möglich gewesen, einen Kanal der Wda weiter zu fahren. Die Wda war in Folge des Kanalbaus nach dem Umsetzen (das Boot über einen kleinen Hügel schieben) etwas schmaler und flacher mit einigen vom Biberfrass ins Wasser gestürzten Bäumen.

Vor uns flogen Kraniche, Eisvögel, Enten und ganz winzige braune Vögel, die ich Flohvögel taufte, weil sie mit derselben Geschwindigkeit hopsten wie ein Floh. Der Biwak auf dem wir zelteten, lag sehr schön an einer Flussbiegung in der Nähe eines Bauernhofes. Bauer und Bäuerin hatten Hühner, Gänse, Hunde und zwei schwangere Kühe mit so unglaublich fetten Bäuchen. Der Bauernhof lag direkt am Wald. In der nächsten Woche würden wir nur durch den Wald fahren und nachts heulende Wölfe hören.
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Die Wda bekam mehrere Zuflüsse und vorallem durch die Niechwaszcz eine gute Strömung. Im Wasser lagen viele Findlinge, die meist erst von uns gesehen wurden, wenn wir vorbei gefahren waren. Dann war es sowieso zu spät, Streß zu machen und mehr als ein kurzes Erstaunen blieb nicht, denn es kam schon der nächste Stein, den wir gerade so passierten.

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Vor dem Kraftwerk in Wojtal mussten wir unser Boot aus dem Wasser holen und über die Straße wieder ins Wasser lassen. Hier war eine kleine Fischzucht aufgebaut.

Was uns zuerst auffiel im Dorf Czarna Woda waren Staubpartikel in der Luft. Wir fuhren mit dem Kanu an einer Fabrik vorbei. Am Hang vor ihren Häusern waren zu unserer linken und rechten Seite Kleingärten für die Arbeiter, die auch darin arbeiteten, die zirka zwanzig Meter breit und in der Länge vielleicht fünfzig Meter waren. Ein Mädchen saß auf einem Steg und zerkleinerte mit einem Federballschläger darauf irgendetwas. Ihre Katze hatte sie angebunden. Die Fabrik über den Häusern und Gärten überragte das Leben im Tal mit Staub und vorallem einem permanenten Geräusch. Unser Biwak lag nicht weit davon entfernt, so dass wir das Rumoren auch hörten. Aus der Fabrik tönten zwei Signalhupen über das Tal, damit fing ein höllisch lauter Arbeitsgang an, so dass es eigentlich nicht auszuhalten war. Zum Glück hörte dieser Lärm nach einer halben Stunde wieder auf. Auf das permanente Hintergrundgeräusch kam ab und zu das Rollen eines nah vorbeifahrenden Güterzuges und das Rattern, der in der Luft sich drehenden Flügel eines Kampfhubschrauber. Ich beobachtete zwei Jungen, wie sie an einer Klopfstange turnten und die Signalhupe nachäfften. Eine ältere Frau ging abends durch ihren Garten und schaute nach den Pflanzen wie in einer ganz normalen Idylle.

Wir frühstückten auf dem sonnigen Steg am Wasser. Zwei Meter über uns fütterte ein Rotkehlchen seine Jungen und verteidigte sein Nest gegen einen Konkurrenten. In der Nacht hatte ich von besoffenen Geistern geträumt, die aus dem Fluß kamen und ihre langen Arme nach mir ausstreckten. Dann beim Einkauf trafen wir eine vom Alkohol gezeichnete Frau, die sich einen Hochprozentigen in Papier einpacken ließ, im Laden der Monopolowy hieß, die Läden hatten im kommunistischen Polen das staatliche Alkoholmonopol inne. Es blieb für mich ein Ort der toten Seelen. Mir fiel das Theaterstück „Wielepole, Wielepole“ von Tadeusz Kantor ein. In seinen bewegten Bildern zeigte er Schauspieler als Puppen, die ihre Seelen verloren hatten und sich ununterbrochen in Mensch-Maschine-Konstruktionen quälten. Wir ließen die Fabrik im Hintergrund und fuhren los.

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Die Sonne schien am blauen wolkenfreien Himmel wie ich ihn mir vor drei Tagen in einem Zauber gewünscht hatte.

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Wir hatten Stromschnellen, die uns trieben. Aus dem Wasser ragende Steine beanspruchten unsere Aufmerksamkeit. Auf dem Biwak in Parcella machten wir auf einer Wiese halt und tankten uns mit Sonne auf. Hier wurden Ferienhütten ausgebaut. Wir sahen einen Fuchs, der noch sein hellbraunes Winterfell trug, aber schnell wieder im Uferholz verschwand.

Czubek

Kurz vor unserem nächsten Biwak in Czubek am Forsthaus gab es einen kleinen Wasserfall über einen Steinschwall nach einer Brücke und die anschließende Abfahrt setzte den heutigen Schlußpunkt. Wir hatten noch ein wenig Abendsonne.

Vor Mlynki waren wir durch eine der schönsten Paddellandschaften gefahren. Zuerst schlängelte sich der Fluss durch Wiesen und Felder ohne große Schwierigkeiten auch ein wenig eintönig. Dann jedoch fuhren wir in den Wald. Dort blühten am Rand Jasminbäume. Der Fluss machte harmonische Biegungen und das Sonnenlicht lockte die verschiedenen Grüntöne aus den Laubbäumen mit den jungen Blättern hervor, die vor den hohen Kiefern in dunklem Grün standen. Die Wiesen am Flussufer waren kniehoch und Rehe sprangen den Hang hinauf.
Der nächste Biwak war ebenfalls in der Nachbarschaft eines Forsthauses. Ich legte mich auf die Wiese und mein Körper empfand die letzten Biegungen auf dem Wasser nach als würde ich noch weiterfahren.

Eine Pferdegeschichte…

Zuerst glaubte ich nicht an die direkte Nähe eines grasenden Pferdes, da in der Nacht die Geräusche lauter sind als am Tag. Dann ließ es mir keine Ruhe und ich schaute hinaus. Vor dem Zelt graste tatsächlich eines der Pferde, dass eigentlich in der Koppel hätte sein sollen. Es hatte sich befreit, indem es die Holzstangen vom Eingang mit dem Hintern weg geschoben hatte und stand jetzt auf der saftigen grünen Wiese. Die anderen fünf Pferde schauten fassungslos über den Zaun, betrachteten auch die heruntergestoßenen Holzbalken, blieben aber innnerhalb der Absperrung. Es hatte sich einen Zeitpunkt ausgesucht, an dem die Försterfamilie weg gefahren war. Wir hatten Angst, dass es auf die Straße laufen könnte, aber es zog seine Kreise grasend um uns und schaute ab und zu, ob seine Pferdefamilie hinter dem Zaun ihm noch hinterher blickte. Bis es dunkel wurde, hatte es seinen Spaß, dann wollte es zurück. Es stemmte sich mit seinem Hinterteil gegen den Zaun, gewann aber keinen Zentimeter und verfiel in leichte Panik. Der Förster mit seiner Familie kamen zurück und wir sagten ihnen, dass eines ihrer Pferde ausgerissen war. Es hieß Bettina und wollte jetzt, da die anderen Pferde in den Stall gerufen wurden auch mit hinein, verfiel wieder in Panik. Der Förster stöhnte über Bettina, mußte er doch jetzt mit dem Hammer den Holzzaun auseinander hauen. Dann war sie bei den anderen Pferden, die in der Zwischenzeit geduldig vor der Stalltür gewartet und mit angeschaut hatten, wie Bettina eingefangen und befreit wurde. Die Aufregung legte sich schnell wieder und Bettina mußte jetzt von dem vielen frischen Gras ununterbrochen fortzen.

Plötzlich kam der Frühling…

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Der Platz in Wdecki Mlyn war hinter einer Insel, die durch das Kraftwerk entstanden war. Ein Arm wurde gestaut, der andere floss nebenan weiter. Nach einer Flussbiegung hinter dem Kraftwerk war ein Biwak. Wir lagen im Gras mit weißen kleinen Blüten auf dem Waldboden und unter blühenden Jasminbäumchen. Wir blickten den Hang hinab im Schatten sitzend und sahen wie sich der Fluss weiter schlängelte, umsäumt von Erlen, Kiefern, Birken und Jasminblüten. Die Sonne stand am blauen Himmel und der Wind fegte leicht über das Gras. Die Frösche quakten konzertant im feuchtwarmen Sumpf sitzend, denn mittlerweile war die Temperatur konstant bei mindestens dreißig Grad.

Am Sonntag ging ich ins Dorf Wda, das ungefähr zwei Kilometer entfernt lag. Ein kleiner Sklep war geöffnet. Davor saßen auf einer Treppe hintereinander aufgereiht gut gelaunte Männer verschiedenen Alters. Ich füllte meinen Rucksack mit Lebensmitteln und Bier. Wodka hatte die Verkäuferin nicht im Angebot. Am nächsten Tag ging ich in den größeren Sklep zwanzig Meter von dem anderen entfernt. Die Verkäuferin hatte hier eine Auswahl von verschiedenen Wodkaflaschen im Regal. Während sie mich bediente und mir das polnische Wort für Eier beibrachte, bediente sie zwischendurch auch noch zwei andere Kunden. Ein Arbeiter kam herein, bestellte sich ein Bier, trank es sofort aus, stellte die leere Flasche auf die Theke und verschwand wieder. Ein Junge wollte eine Coca Cola, während ich noch im Entscheidungsprozess war, welche Kekssorte ich nehmen sollte.

Am Abend entdeckten wir in unserem Zelt eine Wespenkönigin, die ihren Bau schon begonnen hatte. Es hing hinten im Zelt am Dach jedoch nicht in unserer Schlafkabine ein kleiner Ballon mit zirka drei Zentimeter Durchmesser herab. Wir entfernten den Bau, aber die Wespenkönigin ließ sich nicht vertreiben und begann über Nacht kurz daneben mit einem neuen Bau. Am Morgen war sie vor uns wach und flog laut summend gegen die Eingangstür, die sie am Tag offen vorgefunden hatte. In der Nacht hatten wir ein schweres Gewitter über uns. Im Laufe des Tages hatte sich über einem entfernten Tal, vermutlich das Netzetal, eine Wolke gebildet, die über uns hinwegzog wie schwerer Rauch. Die Luft schien knapp und roch nach Chlor.

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Bis Bledno paddelten wir über zwanzig Kilometer an wilden romantischen Stellen, grünen Wiesen und weichen mit Moos begrünten Hügeln auf denen Koniferen standen vorbei.

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Wir sahen heute einen Biber. Der war sehr korpulent und mindestens einen Meter lang. Er ließ uns in Ruhe vorbeiziehen, tauchte dann seine Schnauze unter und glitt gemächlich ins Wasser. Am Flussufer waren abgenagte Baumstämme zu sehen, selbst riesige alte Kiefern verschonten die Biber nicht.
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Bledno

Dieser Biwak lag an einer Flussbiegung. Es tummelten sich Mücken. Dort versuchten wir ein Feuer zu machen, aber das Holz war sehr naß. So schütteten wir etwas Öl über die Äste und es brannte ein wenig auf. Flussnebel schweifte über das Wasser.
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Die Wda schlängelte sich die nächsten zehn Kilometer durch den Wald. Manchmal haben wir uns gefragt, warum sie nicht gerade durch das Tal geflossen war, sondern Schleifen hindurch zog als wäre sie betrunken gewesen. Oft lagen nach einer Biegung Bäume im Wasser oder es tat sich vor uns eine breitere Flussstrecke mit Wiesenrand auf. Einige Rehe tranken im Schilf.

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Vor dem Dorf Stara Rzeka war eine alte Eiche über den Fluss gefallen, ließ uns aber einen kleinen Durchschlupf.

Das Dorf Stara Rzeka lag langgestreckt. Die Häuser standen auf Anhöhen und der Fluss hatte seinen Charakter verändert. Wir hatten das Gefühl, auf einem Bergbach zu fahren. Wir glitten bergab und hatten eine Strömung, dass Paddeln nicht mehr nötig war. Nur noch ab und zu mussten wir den Kurs nachgesteuern. Nach dem Dorf kamen wir in ein Sumpfgebiet und das Flussbett wurde breiter und flacher. Wenig später paddelten wir auf einem See.

Tlen

Wir mieteten eine Hütte, die auf einem Hügel stand und blickten auf einen See. Es war ein verträumter Ferienort im Wdecki Park Krajobratow. Es gab einen Einkaufskomplex, der bis 23 Uhr geöffnet hatte. In einem Restaurant mit polnischer Küche brachte uns der Kellner auf die überdachte Holzterrasse Rote Beete Suppe und Wildschwein mit Knödeln.
-wieder an Land am 25.05.2005 ©Berit Schulz